Und plötzlich steht die Gemeindeleitung vor der Frage: Was sollen wir tun? Immer mehr Veranstaltungen werden duch Corona abgesagt. Sollen sich Kirchen und Gemeinden anschließen und auf ihren Gottesdienst verzichten? Stellt ein Gottesdienst eine Gefahr dar? Wie können wir uns an der Eindämmung des Coronavirus beteiligen? Einige Gemeinde machen es vor, verzichten auf einen Gottesdienst, teilweise sogar die Kleingruppen.

Sind wir als Gemeinde auf eine Situation wie in Italien vorbereitet? Müssen wir wochenlang den „Betrieb“ einstellen oder können wir einfach das Medium wechseln über das der Gottesdienst stattfindet? Ich gehe mal stark von aus, dass ein Livestream in vielen Gemeinden bisher noch kein Thema war oder der Use-Case dahinter bisher nicht vorhanden war. Ein Livestream benötigt das richtige Format, eine Vision und ein Ziel, eine Zielgruppe bzw. eine gewisse Anzahl an Interessenten. Durch das Coronavirus bekommt der Livestream einen ganz neuen Stellenwert, denn es ermöglicht weiterhin in einer ganz neuen Form den Gottesdienst weiterzuführen.

In diesem Beitrag geht es ganz bewusst nicht um proffesionelles Equipment. Es geht vielmehr um eine Zusammestellung von technischen Hilfsmitteln, die für eine vorrübergehende Gottesdienstübertragung gut geeignet sind und sich preislich im Rahmen halten.


Rechtliche Bedenken

Auf rechtliche Aspekte werde ich an dieser Stelle nicht eingehen, da ich keine Rechtsberatung leisten kann.
Viele wertvolle Tipps wurden ganz aktuell von dem Bund Freier evangelischer Gemeinden veöffentlicht:

Livestreaming von Gottesdiensten

Internet

Es sollte sichergestellt werden, dass die Bandbreite der Internetleitung ausreichend ist. Als Minimalvorraussetzung sollte in der Gemeinde DSL mit 50 Mbit/s verfügbar sein, denn für einen Livestream müssen ungefähr 6 Mbit/s im Upload zur Verfügung stehen. Youtube hat für die Bitratenvorraussetzung den Video-Bitrate-Bereich 3.000–6.000 kbit/s für ein Video in 1080p (FullHD) festgelegt. Bei einer langsameren Internetleitung sollte dies vor dem Livestream die Funktion getestet werden.

Option 1: Smartphone

Die einfachste und schnellste Option ist es das Smartphone für den Livestream zu verwenden. Dafür benötigst nur ein App und kannst starten. Dort habe ich drei Optionen ausgewählt:

1. Instagram:
– Gemeinde-Instagram-Kanal erstellen
– In der App oben links auf das Kamerasymbol klicken und Live auswählen
– Livestream starten

2. Facebook:
– Gemeinde-Facebook-Kanal erstellen
– Im Newsfeed auf „Was machst du gerade?“ klicke und „Live-Übertragung starten“ auswählen
– Livestream starten

3. Youtube
Youtube hat seine Regeln geändert und erlaubt das Livestreamen über die App nur noch ab 1000 Abonnenten.
Diese Hürde kann jedoch einfach umgangen werden, indem der Livestream über eine externe App ausgeführt wird.
Die kostenlose APP https://streamlabs.com/mobile-app ermöglicht es einen Livestream trotz weniger Abonnenten zu starten.

– Gemeinde-Youtube-Kanal erstellen
– ggf. https://www.youtube.com/features öffnen und Livestream aktivieren und Konto mit einer SMS bestätigen
– ca. 24 Stunden auf die Aktivierung warten
– Streamlabs installieren
– Mit Youtube anmelden
– Streamlabs den Zugriff auf das Google Konto erlauben
– Livestream starten

Option 2: Starter Streaming Set

Option 2 ist für alle interessant, die den Livestream als festen Bestandteil des Gottesdienstes einsetzen wollen.
Ein Streaming-Set besteht grundlegend aus einer Kamera, einem Audiointerface, einer Streaming-Software, einem PC und einer Capture Card:

Bild

Für den Livestream reicht bereits eine Videokamera mit FullHD und einem HDMI Ausgang. Bei einigen Spiegelreflexkameras oder Systemkameras ist es ebenfalls möglich ein Bild über HDMI auszugeben. Die günstige Option ist eine Webcam – hier sollte jedoch nicht am Preis gespart werden. Ein Vorschlag ist hier zum Beispiel die Logitech C920 die man einfach mit USB mit dem PC verbinden kann.

Action-Cam sind weniger geeignet für einem Livestream und empfehle ich deshalb an dieser Stelle nicht. Bei dem Kauf einer Videokamera sollte man sich vor China-Videokameras hüten, die haufenweise auf Amazon verkauft werden.

Besser geeignet sind zum Beispiel die Panasonic HC-V777EG-K und die kleine Schwester Panasonic HC-V180EG-K. Ich empfehle jedoch ganz klar die Panasonic HC-V888EG-K, da diese etwas Lichtstärker ist und bei dunkleren und nicht gut ausgeleuchteten Verhältnissen die bessere Wahl ist. Mit diesen Kameras ist man für einen Livestream gut gerüstet, jedoch muss ich an dieser Stelle betonen, dass es trotz des hohen Preis sich immer noch Einsteigerkameras handelt.

Um das Bild von der Kamera in den PC zu bekommen, benötigt es zusätzlich eine Capture Card (außer bei einer Webcam mit USB). Absoluter Preis-Leistungs-Sieger ist hier der Corsair Elgato Cam Link 4K. Wir haben viele günstigere Capture-Cards getestet. Das Ergebnis waren Bildaussetzer, Treiberprobleme und defekte Capture Cards. Auch hier sollte man nicht an der Qualität sparen. Wer ein größeres Budget zur Verfügung hat, sollte direkt zu dem neuen Videomischer von Blackmagic greifen. Der Blackmagic Atem Mini kostet zwar knapp 300€, ermöglicht dafür aber den Anschluss von vier Kameras. Das Bild kann direkt über den Mischer hin- und hergeschaltet werden, es gibt Bild-In-Bild-Optionen und Übergange, sowie ein Fade-To-Black. Blackmagic ist ein Hersteller für Video- und Braodcasttechnik und bietet allerhöchste Qualität.
Entscheidet man sich für die Capture Card und möchte mehrere Signale einspielen, benötigt man alternativ auch mehrere Capture Cards. Statt drei Capture Cards sollte man dann aber auf jeden Fall zum Atem Mini von Blackmagic greifen.

Was könnten diese drei Signale sein? Zum Beispiel eine Kamera für die komplette Bühne, eine Kamera für den Pastor oder die Band in Nahaufnahme und das Beamersignal. Dieses kann man sich einfach über einen HDMI Splitter 1×2 (Beispiel) abgreifen und über eine Capture Card dem Livestream hinzufügen.

Ton

Der wichtigste Aspekt bei einem Livestream ist der gute Ton. Jeder verzeiht ein schlechtes Bild, wenn der Ton dafür gut ist. Ein schlechter Ton dagegen lässt die Zuschauer abschalten. Ebenso muss eine Sprachverständlichkeit garantiert werden. Mein Vorschlag ist es auf jeden Fall auf das Mischpult zugreifen zu können. Ein Mischpult gehört in fast jeder Gemeinde zum Standardequipment ist und nicht mehr wegzudenken. Eine Möglichkeit ist es, genau den gleichen Mix/Ausgang zu verwenden, der auch für den Saal genutzt wird. Das Problem ist, dass sich Schall im Raum anders verhällt und der aufgenomme bzw. gestreamte Ton nicht dem entspricht was man im Raum wahrgenommen hat. Wir haben für unseren Livestream eine eigenen Monitorkanal genommen, über den wir einen Mix ausgeben, der nur für den Livestream genutzt wird. Das bedeutet jedoch auch, dass sich aktiv jemand um den Ton für den Livestream kümmern und den Livestreamton seperat abmischen muss.
Ein guter Tipp ist es, im Raum ein Raummikrofon aufzustellen und dem Livestream unterzumischen. Somit wird auch etwas von dem Raumklang mit im Livestream übertragen. Ohne Raumhall klinkt der Ton im Livestream möglicherwise sehr clean.

Um den Ton aus dem Mischpult in den PC zu bekommen, benötigt es ein weiteres Gerät – das Audiointerface. Ein Audiointerface ist nichts anderes als ein Analog-Digitalwandler mit Mikrofonvorverstärker, der die Audiosignale über XLR in ein USB Signal umwandelt. Ein günstiges Audiointerface, dass trotzdem ordentliche Qualität bietet, ist das Behringer UM2 U-Phoria 2×2 USB 2.0 Audio Interface . Das Gerät hat zwei XLR Eingänge und einen Kopförerausgang. Über diesen Kopfhörerausgang kann das Signal für den Livestream direkt abgehört und bei Bedarf angepasst werden.

PC
Der Laptop oder PC sollte genug Leistung haben um nicht beim Livestream an seine Grenzen zu kommen. Trotzdem muss der PC nicht High-End sein und viel kosten: Wir nutzen einen PC mit einem AMD Ryzen 5 2400G, 8 Gb Arbeitsspeicher und einer SSD. Der PC hat in der Anschaffung ca. 380€ gekostet, wobei wird den selber aus Einzelkomponenten zusammengestellt haben. In der Regel funktioniert ein Livestream aber auch mit einem aktuelleren Laptop ohne Probleme.

Software

Für den Livestream benötigt es letztendlich jedoch noch eine Software, die Ton und Bildsignale zusammenführt und an Youtube weiterleitet.
Die kostenlose Software OBS Studio ist zwar in den Einstellungen etwas kompliziert, beinhaltet aber alle wichtige Funktionen für das Livestreamen auf Youtube. OBS Studio ist ein softwarebsierter Videomischer, der mehrere Videosignale, Hin- und Herschalten und Bild-In-Bild unterstützt.

Zusammenfassung

Ein Livestream ist schnell aufgesetzt und kann für eine Gemeinde für die Überbrückung der Corona Pandemie hilfreich sein.
Mit dem Smartphone ist man schnell, spontan und hat keine Kosten mit dem Livestream. Allerdings stehen einem nur das Smartphone-Mikrofon zur Verfügung (das muss nicht immer schlecht sein).
Mit einem Livestream-Set aus veschiedenen Komponenten ist man flexibel, man kan mehrere Bildquellen nutzen und den Ton vom Mischpult einspielen. Preislich ist man bei Option 2 auch schon mit einer günstigen Kemera und eigenen Laptop bei 350€. Mit Videomischer und der etwas besseren Kamera landet man in der Anschaffung bei über 700€ (ohne PC). Mit PC muss man mind. 1000-1200€ in die Hand nehmen und das große Livestream-Set für die Gemeinde anzuschaffen. Für welche Option man sich letzendlich entscheidet, hängt am Ende von der erwarteten Qualität ab und von der Frage, ob man den Livestream auch nach der Corona Pandemie noch weiter nutzen möchte.

Bei weiteren Fragen oder Hilfestellungen schreibt mir einfach eine E-Mail an: admin@churchtech.de.

Hinweis: Eigentlich sollte der Blog erst später online gestellt werden. Aufgrund der akuten Lage habe ich den Blog vorgezogen. Der Beitrag ist noch nicht endgültig fertig und wird in den nächsten Tagen finalisiert. Vielleicht kann der Beitrag trotzdem schon jemandem helfen. Bitte sehr bis dahin etwaigen Rechtschreibfehlern nach.

Bild von mohamed Hassan auf Pixabay

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